Meine Schüler fragen mich, ob sie die hohe Stelle im Lied in Brust- oder Kopfregister singen sollen. Meine männlichen Gesangsschüler sprechen vom Falsett, und meine Mädels fragen, wie man ins Pfeiffregister kommt. Auch in meinem Gesangsunterricht sprach meine Lehrerin von Brust- und Kopfstimme, und ich hab mich anfangs gefragt, was sie meint? Habe ich zwei Stimmen? Oder nur zwei Klänge?

Auch heute noch, nachdem ich mich intensiv mit Stimme beschäftigt habe, finde ich diese Begriffe uneindeutig, und sie werden so unterschiedlich wie auch falsch benutzt. Darum hier meine Sicht auf die Begriffe und Funktionen Brust & Kopf & Falsett.

Orgel_Register_400pxDer Begriff „Stimmregister“ wurde von den Registern einer Orgel abgeleitet (siehe dazu auch „Register (Orgel) Wikipedia„). Zieht man hier die verschiedenen Register, so entstehen unterschiedliche Klänge. So auch bei der Stimme – nur dass ich hier keine Knöpfe oder Pedale drücken oder ziehen kann.

Die Begrifflichkeiten „Bruststimme und Kopfstimme“ stammen aus einer Zeit, in der es keine bildgebenden Methoden gab, um sichtbar zu machen, was die Stimmlippen genau beim Stimme machen (phonieren) tun. Darum wurden Begriffe gefunden, die beschreiben, wo man die Stimme wahrnehmen und spüren kann.

VERSUCH 1:
Mach einen tiefen Ton auf /a/a/a/a/, als wärst Du ein dicker Opernsänger (das Bild gilt auch bei Frauen). Nun spürst Du die Stimme (=die Vibrationen) in Mund, Hals und Brust und oberem Rücken.
Daher kommt der Begriff „Bruststimme“, „Brustregister“ – z.B. Pavarotti, am Anfang von Nessun Dorma oder auch Robbie Williams.

Die Stimme klingt klangvoll, prägnant, durchdringend,

Mach nun einen hohen Ton auf /mimimi/, wie eine junge, schlanke Opernsängerin (das Bild gilt auf für Männer). Jetzt spürst Du die Stimme im Kopf. Genauer: in Mund, Nasennebenhöhlen, Stirnhöhlen, Nase. Das ist die sogenannte „Kopfstimme“, „Kopfregister“. Kate Bush, Wuthering Heights

Die Stimme klingt dünn, hell, weniger laut

Gehe nun noch höher und mache /hihihihi/. Nun wird es anstrengend für die Stimme. Du spürst sie immer noch im Kopf, aber nicht mehr so intensiv wie zuvor. Nun bist Du im Falsett. Höre dazu den Anfang von Birdy, Skinny Love.

Die Stimme klingt von leicht behaucht bis stark behaucht, oder auch gar nicht behaucht.

Wie kann das sein? Das erkläre ich gleich bei den Stimmfuntkionsbereichen.

VERSUCH 2:
Mache einen Gleitton = Beginne bei Deinem tiefsten Ton und gleite dann langsam hoch zu Deinem höchsten Ton. So wirst Du alle „Register“ ein Mal benutzen.

VERSUCH 3:
Sprich  /iiii/ (hoher Ton) /aaaa/ (tiefer Ton) wie ein Esel. Nun wechselst Du vom Kopf- ins Brustregister.

Das Pfeiffregister ist am obersten Ende aller Töne, die Du überhaupt produzieren kannst. Allerdings können das nur sehr weniger Sänger und Sängerinnen produzieren. Mariah Carey würde berühmt für diesen Sound: Siehe hier.

Mitte des 19. Jahrhunderts wurden dann bildgebende Methoden entwickelt, die uns genau sehen lassen, was in den verschiedenen „Registern“ geschieht.

Die Kehlkopfspiegelung mittels Laryngoskopie = Der Arzt fährt mit einer Kamera durch Mund oder Nase und filmt die Stimmlippen. Da die Schwingung der Stimmlippen aber so schnell ist, dass man sie mit dem menschlichen Auge nicht nachvollziehen kann, wurde eine zweite Methode entwickelt.

Die Kehlkopfspiegelung mittels Stroboskopie = Nun sendet eine kleine Lampe an der Kamera Strobo-Licht, also viele kleine Lichtblitze (wie in der Disko). So wird die Schwingung in Zeitlupe sichtbar.

Aus dem so gewonnen Wissen enstanden, zu den bereits bestehenden Begriffen der diversen „Registern“, die Begriffe der

Stimmfunktionsbereiche

Die Stimmfunktionsbereiche bezeichnen die natürliche Stimmlippenfunktion bei unterschiedlichen Tonhöhen.
Das klingt kompliziert, ist aber ganz einfach.

Beispiel: Halte ein Gummi locker zwischen zwei Fingern. Es ist ungespannt, locker und dick. Wenn Du es nun zupfst, schwingt es langsam.
Wenn Du das Gummiband nun strammer ziehst, also spannst, wird es dünner und schwingt schneller.
Ziehe ich es nun ganz stramm, wird es noch dünner und schwingt noch schneller.Bildschirmfoto 2013-07-26 um 12.51.39rubber_band

Und genau so funktioniert die Stimme:

Vollschwingung, Vollschwingfunktion, Vollstimme = Bruststimme
natürliche Stimmfunktion in tiefer bis mittlere Tonlage

Bildschirmfoto 2013-07-20 um 00.29.36Die Stimmlippen sind wenig gespannt, dadurch dick und kurz. Sie berühren sich in der ganzen Masse. Es ist kein Spalt zwischen den Stimmlippen sichtbar = vollkommener Stimmlippenschluss.
Ich sage gern: Sie platschen locker aneinander, als würde man in die Hände klatschen.

Randschwingung, Randschwingfunktion, Randstimme = KopfstimmeBildschirmfoto 2013-07-20 um 00.30.18
natürliche Stimmfunktion in mittlerer bis hoher Stimmlage

Die Stimmlippen sind gespannt, werden dadurch dünner. Es berühren sich nur noch Ränder die Stimmlippen.

Der Funktionsname müsste für „Falsett“ müsste lauten „keine Schwingung“, klingt aber nicht gut. Darum ist man beim Begriff Falsett geblieben.
natürliche Stimmfunktion in hoher Tonlage bis Ende des Stimmumfangs
Bildschirmfoto 2013-07-20 um 00.31.42

Die Stimmlippen sind stark gespannt, werden dadurch noch dünner und es kommt nicht mehr zu einem Kontakt der Stimmlippenränder. Die Luft zischt durch den engen Spalt hindurch. Je nach Weite des Spalts klingt der Ton behaucht oder klar. Die höchste Spannung haben die Stimmlippen im „Pfeifregister“.

Um dies besser zu verstehen, ist dieses Video einer Kehlkopfspiegelung hilfreich. Die weißen „Dinger“ sind die Stimmlippen. Sie öffnen bei der Atmung und schließen beim Stimme machen. Es ist gut zu erkennen, wie die Stimmlippen je nach Tonhöhe kürzer (ungespannt) oder länger (gespannt) werden. Auch der Kontakt der Stimmlippen ist gut zu erkennen.

Wiederhole nun Versuch 1-3. Vielleicht kannst Du die diversen Stimmfunktionen nun bereits hören, spüren, wahrnehmen.

Tipps für Sänger und Sängerinnen:

Wenn Du beim Sprechen und Singen eher die Randschwingung benutzt, wird die Vollschwingung schwerer fallen und anders herum. Achte bei Passagen in Songs mal darauf, in welcher Funktion Du sie singst. Vielleicht brauchst Du bei der tiefen Stelle dickere Stimmlippen und bei der höheren dünne – versuchst es aber gerade durchgehend mit dünnen, und darum klappt es nicht so gut. Beachte die natürliche Funktion der Stimme. Das wird Dir bei schweren Stellen helfen.

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