Baby Baby! Schwangerschaft & Singen

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Aus gegebenem, mittlerweile fast 33 Wochen alten Anlass, habe ich Lust einen Artikel über Schwangerschaft & Singen/Stimme zu schreiben. Also los.

Bevor ich schwanger war, habe ich mir nicht viele (naja, sagen wir ehrlich: keine!) Gedanken darüber gemacht, was eine Schwangerschaft für das Singen und den Job als Sängerin und Vocal Coach bedeutet. Viele meiner Kolleginnen und Freundinnen standen bis kurz vor der Geburt auf der Bühne und haben Workshops gegeben. Kann ja also nicht so anders und so schwer sein.

Aber nun, wo ich selbst im 8. Monat schwanger bin, Workshops und Fortbildungen gegeben und Gigs gespielt habe, bin ich um einige Erfahrungen reicher! Ladys: RESPEKT! Zum Einen für die Ausdauer (ich bin nach 30 Minuten, egal was ich tue, schon pausenbedürftig), zum Zweiten für die Disziplin (ich finde Rumliegen aktuell die einzig angenehme Körperhaltung und vergesse neben meiner Handynummer und Adresse manchmal sogar, dass ich schwanger bin). Zum Dritten muss der Aspekt genannt werden, dass wir Selbstständigen nicht einfach mal so frühzeitig in Mutterschutz gehen können, je nach Versicherungsstatus sogar gar nicht – ohne immense finanzielle Ausfälle zu haben – egal wie es uns geht. Da haben es angestellte Frauen wesentlich leichter. Aber das ist ein anderes, an dieser Stelle nicht weiter zu diskutierendes Thema.

Ich selbst habe früh gemerkt, dass die Hormonumstellung einen starken Einfluss auf meine Stimme hatte. Sie war bereits früh in der Schwangerschaft belegt, nicht mehr so belastbar und das, was mir normalerweise leicht von den (Stimm)lippen geht, benötigte nun den bewussten Einsatz von Technik. Ich konnte mich nicht mehr so auf meine Stimme verlassen. Nun im letzten Drittel der Schwangerschaft bekomme ich zudem Atemprobleme, denn meine Kleine tanzt auf meinem Zwerchfell. Auch ist das ganze Körpergefühl ein anderes. Der Bauch ist sozusagen ausgeschaltet, was einen positiven Nebeneffekt hat: Man drückt nicht ständig mit der Bauchmuskultur rum, um die schweren Töne zu bekommen, sondern kann sich ganz auf Torso & Head and Neck Anchoring fokussieren. Man lernt, die Stimme besser wahrzunehmen, wenn der Körper sich so „anders“ anfühlt. Auch der Rücken hat eine neue Aufgabe, nämlich die Kugel vorn zu halten und mich am Umfallen zu hindern. Spannend. Da benötigt es einiger bewusster und unbewusster Umstellungen, um eine, nennen wir es mal „Übergangs-Technik“ zu finden. Und tatsächlich, es geht. Ich mache mehr Atempausen, spiele die Songs etwas langsamer, aber es geht. Besser als angenommen sogar. Es scheint, als wären alle kompensatorischen Muskel(ver/an)spannungen ausgeschaltet und die Stimme kann einfach so loslegen. Wenn da nicht, wie zu Beginn gesagt, die belegte Stimme wäre.

Aber was genau machen denn die Hormone eigentlich mit dem Stimmlippengewebe? Das wollte ich alter Nerd natürlich wissen und habe nach Studien gesucht, die es erklären. Ich habe nur eine gefunden zur Singstimme und genau eine zur Sprechstimme. Die Ergebnisse waren wenig befriedigend bzw. brachten für mich keine neuen Erkenntnisse: Es wurden die Hormonwerte gemessen und überraschender Weise waren die Estrogen und Progesteronwerte in der Schwangerschaft höher als nach der Geburt. Die Phonationsdauer nahm bei den Schwangeren ab (man kann weniger lange Töne halten), die Stimmermüdung trat schneller ein (man kann nicht mehr so lange singen am Stück) und Heiserkeit ist bei Schwangeren häufiger als bei nicht Schwangeren. Ok, diese Ergebnisse kann ich aus eigener Erfahrung bestätigen.
Doch was machen nun die Hormone genau?

„Hormonelle Einflüsse bedingen Veränderungen des Wasserhaushalts und der Durchblutung. Die Larynxmukosa reagiert sensibel auf Veränderungen des Hormonhaushalts (…)“ … Mh … ja, weiß ich … aber wenig spezifisch … „Laryngopathia gravidarum“ – Stimmstörung in der Schwangerschaft … mhm … Susanne Ursula Baiers Dissertation scheint das Thema genauer zu beleuchten. Ah, da steht’s:

„Die Wirkung des Östrogens auf die laryngealen Strukturen zeigt sich in einem hypertrophischen Effekt, d.h. eine Zunahme der Sekretion durch die Drüsenzellen, die in unmittelbarer Nähe oberhalb und unterhalb der Stimmlippen lokalisiert sind, was eine erhöhte Schleimproduktion bedeutet.“ (S.U. Baiers, S.81)

„Medizinische Studien (Amir et al.,2002) konnten zeigen, dass unter dem Einfluss des Progesterons den laryngealen Strukturen Wasser entzogen wird, was insbesondere die Trockenheit der Stimmlippen bedingt. Ein weiterer Effekt ist die Verringerung der Drüsensekretion; die Konsistenz des laryngealen Sekrets wird zäher und der Säuregehalt nimmt zu.“ (S.U. Baiers, S. 82)

(http://edoc.ub.uni-muenchen.de/10398/1/Baier_Susanne_U.pdf)

Das bezieht sich allerdings auf den Menstruationszyklus – aber ich denke die Wirkung der Hormone wird auch in der Schwangerschaft die gleiche sein. Hinzu zur belegten Stimme kommt ab einem bestimmten Zeitpunkt noch ein unangenehmes Sodbrennen, auch Reflux genannt. Das bedeutet, die Magensäure steigt die Speiseröhre hoch und fließt teilweise in den Larynx. Die Säure reizt die Schleimhäute, welche dann wiederum Schleim produzieren. Das ist in der Schwangerschaft ganz normal, denn der Magen wird durch das Baby hochgedrückt und sitzt fast schon gleich unterm Kehlkopf (ja, ich übertreibe).

Was hilft?

Viel trinken – das verdünnt die Säure und den Schleim. Zudem hilft LAX VOX und Lippenflattern, den zähen Schleim zu lösen. Auch sollte man sich in der Schwangerschaft aufwärmen, selbst wenn man das „eigentlich nie macht“. Die Stimme dankt es!

Also, nochmals RESPEKT! an alle singenden und klingenden Mamis to be, dass sie trotz dieser möglicherweise mehr oder weniger stark auftretenden „stimmlichen Handicaps“ und körperlichen Einschränkungen bis kurz vor der Geburt auf der Bühne stehen und strahlen.

Ich für meinen Teil tausche ich an dieser Stelle die Bühne, die Praxis und das Dozentenpult gegen das Sofa. Und ich finde, auch das ist vollkommen ok. Nicht jede muss „noch mit der U-Bahn vom Gig in den Kreissaal fahren“ oder „bis kurz vor der Geburt noch ’ne Tournee spielen.“ Ich finde, wenn es einen Zeitpunkt gibt einfach mal Rumzuhängen und „Nichts“ zu machen (Jede Schwangere weiß, dass das „Nichts“ eine Utopie ist) – dann ist der spätestens zum Ende der Schwangerschaft gekommen. Meine Kleine zwingt mich zudem aufs Sofa – mein fürsorgliches Kind.

Darauf erhebe ich meine als alkoholfreier Cocktail aufgepimpte Saftschorle und proste allen Mami Kolleginnen zu.
Wir machen schon nen guten Job!

Hier noch ein paar Videos von schwangeren Kolleginnen und Stars.

Wenn ihr weitere Ideen, Erfahrungen, Videos etc. habt, freue ich mich über Eure Kommentare hier gleich unter dem Artikel.

Alles Liebe, Stephanie & Kugel im (Fast)Pausenmodus

 


Dieser schwangere Vocal Coach hat ein paar Tipps für schwangere Sängerinnen:

Beyonce brennt die Hütte ab auf den VMAS – Schwanger!

Interview mit Beyonce übers Performen in der Schwangerschaft

Shakira performt schwanger  – RESPEKT! Das ist mal ein echter Bauchtanz!

Ciara geht ab – natürlich schwanger!

Jennifer Lopez – aha Mama!

Und zum Schluß noch Michael Bubble .-) hach jaaa


 

J Voice. 2012 Jul;26(4):431-9. doi: 10.1016/j.jvoice.2010.10.010. Epub 2011 Apr 3.
Pregnancy and the singing voice: reports from a case study.
Lã FM1, Sundberg J.

J Voice. 2009 Jul;23(4):490-3. doi: 10.1016/j.jvoice.2007.11.006. Epub 2008 Mar 17.
Effect of pregnancy on the speaking voice.
Hamdan AL1, Mahfoud L, Sibai A, Seoud M.

 

5 Kommentare Gib deinen ab

  1. Nicole sagt:

    http://www.youtube.com/watch?v=glZI6NdHXBc
    Diese schwangere Dame, so finde ich, darf hier nicht fehlen. Ich stimme dir zu und danke dir für deinen Artikel und füge noch hinzu, dass die Geläufigkeit auch flöten geht. Ich bin sehr gespannt, was du über die Zeit nach der Geburt sagen wirst. Ich fand auch, dass der Wiederaufbau des Körpers, der Stütze und der Resonanzräume eine ziemliche Arbeit bedeuteten. Ich wünsche dir viel Glück bei der Geburt und viel Freude hinterher mit deiner Kleinen. Es wird fabelhaft werden! Und schau mal hier, was alles mit Baby möglich ist: littlebuttontour.blogspot.de

    1. fraukruse sagt:

      Liebe Nicole, Danke für Deinen Kommentar. Und den Blog werde ich nun als Abendlektüre lesen. Toll. Liebe Grüße

  2. muki-zeit sagt:

    Süßer Artikel!

    1. fraukruse sagt:

      danke .)

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