„… und was denkst Du zum Stützen?“

Jo Estill hat gesagt: „The breath reacts on what it meets on its way out.“

Der Atem reagiert auf das, was ihm auf dem Weg nach draußen begegnet.

Ich liebe diesen Satz. Für mich beinhaltet er, dass wir den Atem nicht manipulieren müssen, sondern ihm vertrauen dürfen. Er tut genau das, was unser Körper gerade braucht. Diese Idee von Jo Estill lenkt den Fokus auf das, „was der Atem auf dem Weg nach draußen trifft“. Das wird bestimmt durch die Situation in der wir gerade sind und durch die Anforderungen an unseren Körper und Geist, die diese mit sich bringt.
Der Atem ist nicht an einem schönen Stimmklang interessiert, sondern kümmert sich um unser Überleben. Das vegetative Nervensystem reguliert wie viel Sauerstoff wann in welcher Zelle ankommen und vorhanden sein muss. Das Atemsystem wird nach diesen Informationen gesteuert und reguliert. Beim Joggen brauchen wir eine andere Sauerstoffversorgung als beim Schlafen. Beim Rufen atmen wir schnell und hoch ein, damit wir schnell auf unseren Impuls / die Gefahr etc. reagieren können (z.B. Kind rennt über die Straße). Niemand würde in einer Notsituation erst die Haltung regulieren, sich am „Faden“ am Kopf aufrichten und tief in den Bauch atmen, bevor er ruft „Bleib stehen!“. So viel Zeit wäre schlicht weg nicht. Ebensowenig würden wir beim Joggen tief und lange ein und ausatmen, auf dem Sofa beim Fernsehen hecheln wir nicht und beim Schlafen hab ich noch niemanden „stützen“ sehen.

Was will ich damit sagen? Das wir uns auf unser System verlassen können. Die Atmung weiß genau, was wir brauchen. Das nennt sich reflektorische Atemergänzung. Immer wenn der Körper neue Luft braucht, dann setzt ein Reflex ein, der unseren Einatemvorgang startet. Das Hirn weiß auch blitzschnell was wir gleich vorhaben. Es weiß, ob wir lange und kurze Sätze machen wollen. Also ob wir viel oder wenig Luft dazu benötigen.
Wann also haben wir begonnen diesem System zu mistrauen? Warum greifen wir manipulierend ein? Warum soll die Singatmung so viel anders sein als die Sprechatmung?  Ist denn der laute hohe Ton nicht das gleiche wie rufen?
Wir müssen uns nur in eine emotionale Lage hineinversetzen, in der wir rufen – vor Freude, vor Angst, vor Trauer, vor Erregung – und schon startet das System das Programm „rufen“. Und ist der laute hohe Ton im Song nicht immer die Stelle, an der es heißt „IIIII don’t care, what they’re going to saaaaay“ oder „Heeeeere I aaaammm, with oooopen aaaarms“ oder „IIIIII will always love yooooouuu“. Da ruft jemand aus voller Brust seine wichtigste Nachricht heraus, um endlich erhört zu werden, sich zu befreien von dieser Nachricht -wütend, trotzig, verliebt, sehnsüchtig … Stell Dich gefühlt mal an eine Brücke und der den Du liebst geht gerade weg und Du willst ihm Deine wichtigste Nachricht hinterher rufen, damit er stehen bleibt: „Nooooothing compares to youuuu“. Wenn Du Dir das Bild vorstellst hast Du hoffentlich nicht an Deine Haltung und Atmung gedacht, sondern nur an Deine Message. Und wenn Du gut in der Vorstellung angekommen bist, hast Du auch sicher nicht tief in den Bauch geatmet … oder?

Will sie damit etwa sagen….

Ja, genau das will ich. Ich will sagen, dass wir Stimmtrainer einen massiven Fehler machen, wenn wir in der ersten Stunde mit „Atmung & Haltung“ beginnen und im ganzen Verlauf des Coachings genau darauf den Fokus legen – als „Basis der Stimmgebung“ – da wir in ein absolut funktionierendes System eingreifen. „Stell Dich aufrecht hin und atme tief in den Bauch“ erzeugt verspannte, künstliche Haltungen mit zu kraftvollen unnatürlichen Atemmustern. Genau das, was wir nicht wollen. „Entspannt ein- und ausatmen“ geht nicht, sobald es jemand von uns verlangt. Das Programm Erwartungshaltung und Beurteilung wird dadurch gestartet, welches auch Nervosität beinhaltet. Und das beinhaltet eine schnelle und flache Atmung.

Beobachtet, nehmt wahr und versucht mal ein anderes Rädchen zu finden, an dem ihr drehen möchtet. Es gibt so viele „auf dem Weg nach draußen“. Zum Beispiel gesunde, schwingende Stimmlippen. Helft dem Schüler seine Stimmlippen frei, flexibel, in allen Facetten zu benutzen. Ihr werdet sehen, es verändert sofort das Atemmuster. Denn eine gut schließende, lockere, dicke Stimmlippenmasse in mittlerer Tonhöhe erfordert ein anderes Atemmuster (wie beim sprechen am Mittagstisch etwa) als eine behauchte Stimme. Bei glottalen Stimmeinsätzen atmen wir anders als bei behauchten.
Auch ist es sinnvoll sich den Körper anzusehen – aber das wißt ihr längst. Welche Strukturen helfen alle mit beim Stimme machen? Welche sind nützlich? Wie kann ich diese so einsetzen, dass die Richtigen mitmachen und die anderen Pause haben?
Und ich rede hier wirklich von Muskeln. Muskeln im Oberkörper, im Hals, im Rücken. Denn das Bild von der „entspannten aufrechte Haltung“ und „möglichst ohne jede Anspannung singen“ ist schlicht weg – gelogen! Das gibt es nicht. Irgend ein Muskel MUSS arbeiten. Und am besten funktioniert es, wenn der oder die richten zusammenarbeiten. Aber der BAUCH gehört nicht dazu. Denn das Reindrücken oder Rausdrücken des Bauches wird von unserem Körper mit dem Schließen der Taschenfalten beantwortet. Denn er denkt, wir müssten uns übergeben oder jemand hätte uns in den Bauch geschlagen und das Atemsystem müsse geschützt werden. Wie kommen wir also auf die Idee, dass uns genau das bei hohen Tönen helfen kann?

Ich weiß, ich stelle die Stütze hier plakativ und „falsch“ vor – aber das ist, was meine Schüler verstanden, geübt und gelernt haben. Sicher hat der Lehrer es anders gemeint, aber das ist, was über bleibt: Feste Körper, feste Bäuche, aktive Taschenfalten und zu stark angespannte Stimmlippen, die mit zu viel Luft angepustet werden müssen, damit sie beginnen aneinander zu klatschen, anstatt zu schwingen. Mal abgesehen von der nahezu unbeweglichen Schleimhaut … Ihr merkt, ich spreche mich in Rage 🙂
Mir ging es oft genug genau so: Kam der Ton nicht, habe ich ihn „rausgedrückt“ – aus dem Bauch. Dank ESTILL, und vieler Stunden Übung, ist mein Lösungsansatz heute zunächst zu beobachten, mit welchem Stimmeinsatz ich den Vokal begonnen habe und in welcher Masse ich danach weiter gesungen habe. Dann checke ich, ob etwas Twang die Stelle leichter macht und spüre nach, ob ich Torso oder Head&Neck Anchoring benötige und wenn ja wieviel. (Das sind ESTILL Therme, die musst du nicht verstehen. Sie beschreiben einzelne Muskeln oder Muskelketten, die wir nutzen können, um unsere Stimme optimal zu unterstützen.) Seit dem bin ich nicht mehr so hilflos und verzweifelt, ich stelle meine Stimme nicht mehr so sehr in Frage, sonder kann konkret an bestimmten Dingen „auf dem weg nach draußen“ arbeiten. Das hilft und macht Spaß. Es ist eine andere Art zu denken als die, die ich aus meinem Logopädie-Studium mitgenommen habe und auch als die der meisten meiner Schüler, die „Stützen“ und „Beckenboden anspannen“ als einzige Optionen auf dem Weg hin zum Ton gelernt bekamen.

Das Wort „Stütze“ würde ich gern ersetzen durch „Unterstützen“. Und das Bild des Zwerchfells, dass aktiv (also bewusst) auf und ab bewegt oder sogar in einer bestimmten Art und Weise gehalten werden soll, (was physiologisch nicht möglich ist, da das Zwerchfell keinerlei sensorischen Fasern hat, die es aktiv und bewusst steuern könnten) – durch einen ganzen Körper, der von den Fußgelenken bis zum Nasenansatz an der Unterstützung / der Stimmproduktion beteiligt ist. Inklusive des „Mind Sets“ = der Einstellung der Gedanken / der persönlichen Glaubenssätze.
In all meinen Coachings bringe ich meine Schüler beim Singen aus dem Konzept. Aus ihrem Konzept, das meist Aufregung oder sogar Angst beinhaltet. Singen erfordert Mut. (Das weiß ich als alter Lampenfieber-Hase selbst nur zu gut.) Ich versuche sie abzulenken, beim Singen zum Lachen zu bringen, stelle ihnen mitten im Song Fragen, tanze mit ihnen etc. Warum? Weil das System dann in einen anderen Modus springt. Weg von Angst, Bewertung, Aufregung hin zu Überraschung, Freude, Erleichterung. Und zack – reagiert das ganze muskuläre System und auch der Atem. „Ich kann nicht singen, wenn Du mich zum Lachen bringst.“ höre ich so oft und dann hauen sie den hohen Ton danach raus als wäre er nie schwer gewesen.

Abschließend möchte ich klar stellen: Ich stelle nicht das Prinzip des dosierten und konzentrierten Abgeben von Luft in Frage (das ist, was ich unter „Stütze“ verstehe), aber ich stelle doch die These auf, dass die pädagogische Überzeugung, den Atem trainieren zu müssen, den ganz natürlichen angeborenen und lebenswichtigen Atemreflex hemmen, der uns genau das von ganz alleine ermöglicht, auf das wir so angestrengt hinarbeiten wollen.
Ich spreche nicht über Atem in meiner Arbeit und auch nicht über „aufrecht stehen“. Ich sage höchstens mal „ausatmen“. Denn da ist meist zu viel Luft im System. Auch hier haben wir verlernt darauf zu vertrauen, dass der Körper weiß was wir als nächstes vorhaben und demnach schon die perfekt Dosis Luft eingestellt hat.

Wir brauchen zum Singen nicht mehr Luft als zum Sprechen oder Rufen oder Flüstern. Die Programme sind die gleichen.

„Everybody has a beautiful voice. You just have to know how to use it.“ Jo Estill
„Everybody has a beautiful voice. You just have to know how to TRUST it.“ Stephanie A. Kruse 😀

Ich freu‘ mich auf Eure Reaktionen zu meinen Gedanken.

Eure Stephanie

2 Kommentare Gib deinen ab

  1. Rahel Baer sagt:

    Hallo liebe Stephanie,
    Danke für deine Gedanken zu diesem Thema! Vieles spricht mir aus dem Herzen – z.B. tausche ich auch seit Jahren das Wort Stütze durch „Unterstützung“ aus, dann wird das nicht mehr das wichtigste sondern ist ein WEITERES Hilfsmittel.
    Ich stimme dir allerdings nicht zu, dass wir immer automatisch alles richtig machen, wenn wir aus der Emotion heraus rufen oder ähnliches – dazu hab ich schon zu viele Gesangsschüler und Stimmpatienten gehabt, die zuvor mit angezogenen Schultern eingeatmet, danach „aus dem Hals heraus“ gerufen haben und denen dabei die Stimme nach oben weggekippt ist (nicht nur in der Übung sondern auch in „echten“ Situationen zuhause, wie sie mir erzählten).
    Genau an dieser Stelle war das üben und wissen rund um das Thema Atmung meist sehr wichtig und hat zu Lösung geführt. Wo vorher der Bauch dauerhaft angespannt war, konnte er sich dann in der Einatmung lösen, das Zwerchfell sich perfekt senken um den folgenden hohen oder lauten Ton zu „unterstützen“. Ich habe das Gefühl, dass soviele Menschen den Kontakt zu ihrem Körpergefühl durch Angst, Stress, inneren Druck beim Singen verlieren – Bzw. es davon überdeckt ist. Um das wiederzufinden, können Vorstellungsbilder usw sehr helfen, aber meiner Erfahrung nach auch das einfache „Spüren“ und Bewusstwerden. Und dabei weicht das anfängliche Verspannen, wovon du berichtest, oft nach einer Weile dem „bewussten Beobachten“ der natürlichen Körperfunktionen.
    Aber ich stimme dir zu, dass wir niemals nur funktionelle Arbeit machen dürfen sondern immer wieder zum bildhaften, emotions-beinhaltenden Unterrichten zurückkommen müssen. Keiner mag ein Lied hören, an dem nur funktionell und analytisch gearbeitet wurde…
    Wie so oft erscheint mir persönlich die goldene Mitte und die Mischung verschiedener Ansätze der richtige Weg – Atmung, Körper, Emotion, Bilder… alles hat für mich seinen Platz im Singen.

  2. Liebe Stephie,

    ein passendes Gedicht von meinem Lieblingsdichter Eugen Roth:

    Atemgymnastik

    Im Grunde glaubt zwar jedermann
    dies, dass er richtig atmen kann.
    Jedoch, das geht nicht so bequem:
    Gleich bringt ein Mensch uns sein System!
    Erklärt, dass unserer Atemseele
    der gottgewollte Rhythmus fehle.
    Auch hätten wir, so sagt er kühl,
    Noch keinen Dunst von Raumgefühl,
    Und wüßten unsere Atemstützen
    In keiner Weise auszunützen.
    Er lockert uns und festigt uns,
    kurzum, der Mensch belästigt uns
    Mit dem System, dem überschlauen,
    Bis wir uns nicht mehr schnaufen trauen.

    😉
    Gerade bin ich zu schreibfaul um mehr dazu zu sagen, aber ich glaube das Gedicht sagt schon sehr viel!

    Viele Grüße
    Lisa

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